Das Oktoberfest ist vorbei und mit ihm die Zeit, der hoffnungslos überfüllten U-Bahnen oder der Tretminen artigen Hinterlassenschaften nahezu besinnungslos betrunkener Wiesnbesucher oder aber die zahlreichen Fotos auf Instagram von Wiesnmadln mit rosaroter Zuckerwatter oder vor kitischigen Wänden aus bunten Lebkuchenherzen…Ihr merkt, meine Zeilen sind voller Ironie. Der ganze Instagram Hype hat mir dieses Jahr fast die Lust auf die Wiesn verhagelt. In den ersten vier Tagen des Oktoberfests litt ich bereits an einem Social Media bedingten Overkill von Dirndln mit Glitzerschürzen, Boots mit Häckelsöckchen und Flechtfrisuren.

 

 

Mehr Schein als Sein

Während die Medien im Allgemeinen über die Wiesn als kollektives Massenbesäufnis berichten, verzerren Influencer das Münchener Oktoberfest auf geradzu groteske Art und Wiese zu einer Kirmes mit Pastellfarben, jeder Menge Glitzer und Bier.
Für den Rest der Republik mag dies traumhaft anmutend wirken, sitzen doch alle perfekt gestylt im Designerdirndl vor köstlichem Kaiserschmarrn und einer Mass im Promizelt und schunkeln was das Zeug hält zu lustiger Schlagermusik.
Das man sich für diesen Idealfall allerdings erst einmal seinen Weg durch allerhand Abartigkeiten kämpfen muss, verschwindet im Hintergrund, genauso, wie dass die Mandelbuden nur schwer den lateneten Geruch nach Erbrochenen und Urin überdecken können.
Ein Salom um trokelnde Wiesnbesucher, die sich jede Sekunde zu übergeben drohen, eingeschlossen.
Vorallem aber kommt, bei dem schönen Schein unseres luxuriösen Bloggerlebens die realistische Beurteilung des finanziellen Aufwands, der die Spreu vom Weizen trennt, zu kurz.
Wenn Blogger in ihren Instastories stolz mitzählen, dass sie es dieses Jahr auf zweistellige Wiesnbesuche geschafft haben und sich dabei im Hintergrund ganze Kleiderstangen mit gesponserten Dirndln offenbaren, dann ist der Neid groß und vor allem der Ansporn es ihnen gleichzutun. Aber wer kann das bezahlen, denn ein lockerer Tag auf der Wiesn mit einem halben Hendl, einer Mass, ein paar Schokofrüchten und einer wilden Karusellfahrt kostet gut und gerne 100 Euro.
Rechnet man dann noch die modische Ausstattung mit, kommt man in 16 Tagen mit einer verstörenden Leichtigkeit auf den Wert einer brandneuen Chanel Tasche.

 

Fun Fact
Ein absoluter Kassenschlager des diesjährigen Oktoberfests war die Zuckerwatte, worüber sich so mancher wunderte. Aber auch nur der, der kein Instagram hatte.
Tatsache ist, die Zuckerwatte war beliebtestes Fotorequisit 2018. Ob sie auch wirklich verzehrt worden ist, ist allerdings fraglich.

 

 

Fernab von Instagramfiltern

Mich haben die Wiesn geerdet und mir wieder zu einem etwas kritischem Blick auf die schöne Welt in meinem Smartphone verholfen, darauf, das eben nicht alles Gold ist was glänzt.
An Veranstaltungen wie diesen übt Social Media einen imensen Druck auf uns aus. Das schönste Dirndl, das beste Foto, der perfekte Hintergrund und immer schön zeigen, wie viel Spaß man hat. So wird aus einem fröhlichen Fest Frust, denn man darf einfach eines nicht vergessen: Influencer arbeiten auf der Wiesn. Natürlich haben sie Spaß, aber sie verdienen Geld, während alle anderen Geld ausgeben. Ein wesentlicher Unterschied.
Eine derartig Verzerrte Darstellung sorgt da schon mal für maximale Enttäuschung und einen harten Aufprall auf den Boden der Tatsachen.

 

 

Präsenz ist gut, vornehme Zurückhaltung ist besser

Und bevor man mir vorwerfen kann, dass ich ausschließlich Influencer und Blogger dafür verantwortlich mache, muss gesagt sein, dass auch Unternehmen einen großen Anteil an der märchenhaften Reizüberflutung aus Blumenkränzen und Palietten haben.
Präsenz zu zeigen ist schön und notwendig, sich aufzuzwingen und ständig im Vordergrund zu stehen, ist nervtötend und verzweifelt. Den ersten Preis für genau diese unangenehme Überpräsenz hat sich dieses Jahr Angermaier verdient.
Mit Abstand.
Und das meilenweit. Vor Daller Tracht und Cocovero und Krüger und all den anderen.
Hier war ganz klar Quantität die Devise, besonders was das Maß an O-X Promis betrifft, die in die schlecht geschneiderten in Fernost produzierten Polyesterdirndl gepresst wurden. Eine strategische Selbstpositionierung am Abgrund, denn sind wir mal ehrlich, wer betrachtet es denn als Erfolg aus marketingrelevanter Sicht, wenn sich Sophia Vegas in ein Dirndl quetscht und es mehr nach Halloween als Wiesn aussieht?
Und wer, möchte denn genauso aussehent und geht deswegen zu Angermaier?
Ihr seht, was ich meine!
Aber vielleicht habe ich auch einfach keine Ahnung und hier war das Credo: schlechte Presse, ist besser als gar keine Presse.
Dabei war ich immer der festen Überzeugung,  dass Exklusivität der wahre Indikator für echte Klasse sei!

 

2 Comments

  1. Meine liebe Rebecca,
    you made my day!!
    Endlich mal jemand, der angesichts des diesjährigen “Wiesn Wahnsinns” kein Blatt vor den Mund nimmt und ausspricht, was sich so viele denken.
    Die Wiesn hat für mich nur in den sozialen Medien und im Käfer-Zelt etwas mit Glamour zu tun. Alles was rundherum passiert bzw. am Abend ist einfach nur das was auch in den Medien propagiert wird: Ballermann in Bayern!
    Mein negatives Highlight in diesem Jahr war tatsächlich ein junger Mann U30 der noch vor 12 Uhr auf der Straße seine (preiswerte) Lederhose runterzog und unter Gejohle seiner Kumpel in einen leeren Maßkrug urinierte.
    So viel zum Thema Glamour. 🙂
    Auch das Thema Dirndl ist mir in diesem Jahr in den sozialen Medien sauer aufgestoßen. Es machte ganz den Anschein, dass viele Firmen einfach nur auf “Masse anstatt Klasse” gesetzt haben und möglichst oft ihre Dirndl auf Instagram und Co. präsentiert haben wollten. Egal von wem – Hauptsache da steht das Label drauf.
    In diesem Sinne bin ich wirklich froh, dass du so einen erfrischenden Artikel zur Wiesn Thematik verfasst hast. 🙂
    Allerliebste Grüße,
    Susa

    http://www.MISSSUZIELOVES.de

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